Comenius in der Grundschule- Erfahrungen mit einem europäischen Schulpartnerschaftsprogramm
Die Eine-Welt-Schule Minden nimmt seit diesem Schuljahr an einem Comenius Schulpartnerschaftsprogramm teil. Die Partnerschulen befinden sich in Spanien und Finnland. Zwei Jahre zuvor nahm die Schulleiterin an einem Kontaktseminar in Oviedo /Spanien teil, um Schulpartner zu finden. Bei Comenius-Schulpartnerschaften arbeiten überwiegend Schulen aus dem Sekundarstufenbereich zusammen, wiewohl dieses Programm für die Grundschulen große Lernchancen für alle Beteiligten bietet.
Schauen wir auf die Lerneffekte für die Kinder, wie wir sie erleben:
Im Oktober besuchten uns die Kollegen aus Finnland und Spanien das erstemal. Sie brachten Fotos, PPTs von ihren Schulen mit, zeigten Bücher und Prospekte. Die Kinder schauten sich interessiert die Schulen, wurden in einem ersten Schritt vertraut mit der Heimat der Gäste. Gemeinsam wurde folgendes Programm erarbeitet: Alle Kinder wurden fotografiert und erstellten von sich einen Steckbrief dazu, den sich die Schulen zuschickten. Umgangssprache ist englisch. Der Englischunterricht bekommt so für die SchülerInnen eine intrinsiche Motivation. Kinder lernen die fremde Sprachen, weil sie sie zur Verständigung mir anderen Kindern brauchen. Lernen gewinnt Sinn und zwar im Hier und Jetzt und nicht mit dem Hinweis, später im Leben…, eine zeitliche Dimension, die besonders Grundschulkindern noch so schwer fällt.
Die Steckbriefe aus Finnland und Spanien wurden in einer Europa-Ecke ausgestellt und die Kinder erfuhren viel über das Leben der Kinder in anderen europäischen Ländern. Wie sehen die Kinder aus, was spielen sie gerne, haben sie Haustiere, was sind ihre Lieblingsfarben…. Was ist gleich und doch so verschieden in unseren Nachbarländern.
Vor Weihnachten bastelten die Kinder Weihnachtskarten und in jedem Land wurde auf einer DVD das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ von den Kindern gesungen und aufgenommen und verschickt. Dieses Lied, wohl in ganz Europa bekannt, klang für uns auf Finnisch noch fremder als in spanischer Sprache und dennoch verbindet es uns alle.
Im Weiteren werden wir für die Kinder der Partnerschulen einen Film über unsere Schule, unsere Stadt, unser Land erstellen, um so unseren Lebensraum darzustellen. Genauso werden die Partnerschulen verfahren. Ein typischer Tagesablauf, ein Schulalltag ist ein weiteres Nahziel, das erarbeitet wird.
Neben dem Spracherwerb wird Medienkompetenz eingeübt. Der Tagesablauf wird am Computer bearbeitet und als Mail verschickt.
Weitere geplante Themen beziehen sich auf Feste und Feiern im Jahresverlauf, auf Flora und Fauna der einzelnen Länder, auf Spiele, Freizeitinteressen, Haustiere, Träume und Zukunftsvisionen ….
Aber nicht nur die Kinder erzielen einen großen Gewinn bei diesem Projekt. Wir Lehrer lernen dazu. Die Möglichkeit, in ein Schulleben eines europäischen Landes Einblick zu erhalten, weitet unseren Erfahrungen.
Bei unserem ersten Besuch im Oktober erhielten wir mannigfaltige Rückmeldungen über unsere Arbeit. Nun besuchten wir die Partnerschule in Spanien. Wir alle hatten eine Unterrichtseinheit ausgearbeitet, die wir uns gegenseitig vorstellten und erfuhren auch hier viele Anregungen, sahen Verschiedenheiten aber auch Gemeinsamkeiten.
Besonders beeindruckend aber war der Besuch in der Schule, die Teilnahme am Unterricht.
Spanische Schulen unterscheiden sich enorm von deutschen Schulen. Das Schulgebäude, umgeben von einem hohen Zaun, der Schulhof eine einfache asphaltierte Fläche, die Fenster im unteren Geschoss vergittert. In den oberen Räumen gibt es keine Vorhänge, die Wände sind oft kahl, teils gekachelt. Tische und Stühle wirken vielfach sehr mitgenommen. Aber jede Klasse hatte ein Whiteboard, die weiterführende Schule Beamer und Laptop.
Die Kinder gehen in Spanien ab dem 3.Lebensjahr zur Schule, zuvor können sie einen Kindergarten besuchen. Die Grundschule verlassen die Kinder mit 12 Jahren. Die Kleinen tragen einheitliche Kittel im Unterricht. Unsere Partnerschule ist eine bilinguale Schule. 50% des Unterrichtes findet in der englischen Sprache statt. Wir schauten uns den Unterricht der Jüngsten an und waren mehr als verunsichert. Alle Kinder saßen im Kreis, teils auf dem blanken Boden. Keines der Kinder sprach unaufgefordert, keines weinte, keines lachte, keines wagte es nicht aufzupassen. Es lag eine beängstigende Starre und Ruhe im Raum. Die vor uns sitzenden 4jährigen wurden ausschließlich in Englisch unterrichtet und verstanden das Vorgetragene, weil es wohl täglich in der Form wiederholt wurde. Sie waren alle in der Lage auf Englisch zu zählen, das Alphabet auf Englisch zu benennen (auswendig zu sagen), und einfachen englischen Anweisungen zu folgen. Eine ihrer Aufgaben bestand darin, das Alphabet nach einer Vorlage mit Plastikbuchstaben nachzulegen. Die Kinder arbeiteten ruhig, auch bei einer Partnerarbeit. Der Kunstunterricht von 5jährigen erfolgte ebenfalls ausschließlich in der englischen Sprache. Nach einer Einführung über Tiere, erhielten die Kinder halb vorgefertigte Zeichnungen von Tieren, die sie beenden sollten. Auch hier, alle Kinder saßen schweigend da und malten. Ein Kind meldete sich zögerlich: „Darf ich das Tier auch bunt ausmalen?“. Ich gab dem Kind zur Antwort: „Ja, sicher“, und hatte nachher Sorge, ob ich eventuell ein Verbot missachtete. Durften Kinder dieser Schule Farben benutzen? Zum Glück war dies offensichtlich erlaubt. Am Ende des Unterrichtes stellten sich die Kinder ruhig hintereinander in Einerreihen auf. In der Pause auf dem Schulhof, was konnten die Kinder auf dem bloßen Asphalt wohl spielen? Sie liefen raus und warfen sich einfach hin, teils übereinander. Andere Spielformen gab es kaum. Der Unterricht der 10jährigen und der 14 jährigen lief in ähnlicher Form ab. Ständig schauten die Lehrer auf die Uhr, wirkten wie gehetzt, betonten, sie hätten noch so viel Unterrichtsstoff. Im Mittelpunkt stand ein Auswendiglernen, das Erarbeiten abfragbarem Wissen. Die Größe der Klasse betrug maximal 25 SchülerInnen, jedoch waren besonders bei den älteren SchülerInnen deutlich weniger Kinder da, bei den 14jährigen nur 11 Jugendliche. Auf unsere Befragung hin wurde erklärt, dass Asturien einen sehr starken Geburtenrückgang aufweist und deshalb so kleine Klassen möglich sind. Die SchülerInnen hatten durch die geringe Schüleranzahl kaum die Möglichkeit auch nur für eine kurze Zeit abgelenkt zu sein, auszuweichen. Sie standen beständig im Visier des Lehrers. Auf die Problematik in einer Klasse eine Variabilität an sozialen Beziehungen zu besitzen, wollen wir hier nicht eingehen.
Auf Befragen zeigten sich auch die spanischen Lehrer über ihre Arbeit teils unzufrieden. Die Regierung verlange den hohen Leistungsdruck. Sie müssten sich dem stellen. Es wird vom Ministerium verlangt, so waren die Aussagen.
Was nehmen wir mit, was lernten wir für uns?
Besonders positiv gefiel uns die Fähigkeit der Kinder sich in die englische Sprache von Klein auf hinein zu hören, sie zu verstehen, sie zu benutzen. Ein Wunschdenken auch für unsere Schüler. Allerdings muss betont werden, dass in dieser bilingualen Schule so gut wie keine Migrantenkinder sind, eine Problematik, die wir an unserer Schule nicht unterschätzen dürfen. Viele unsere Kinder wachsen zweisprachig auf und benötigen intensive Förderung im Fachbereich Deutsch. Dennoch so scheint uns, ist die Verquickung der englischen Sprache im täglichen Unterrichtsgeschehen ein guter und gangbarere Weg und deutlich besser als ein isolierter Englischunterricht. Wir werden hier nach neuen Wegen für unseren Englischunterricht suchen.
Betroffen gemacht hat uns die für unsere Einstellung wenig beachtete emotionale, und soziale Komponente in der Schule. Ist es wirklich entscheidend, dass 4jährige das Alphabet auf Englisch auswendig können, dass sie eine Katze formgetreu nachzeichnen? Verkümmern nicht so wichtige Bereiche der menschlichen Entwicklung? Ist die intellektuelle Förderung wirklich der Mittelpunkt der Erziehung und Bildung und verliert damit die Frage nach der Ausbildung der Fantasie, des ästhetischen Empfindens, der Emotionalität, der Sozialibität nicht ihre Bedeutung?
Ist es nicht wichtig, auch um einen jungen Menschen zum demokratischen Denken zu erziehen, zur Offenheit dem Mitmenschen gegenüber, dass er die Vielfalt des Lebens kennen lernt, dass er lachen und weinen darf, dass er vom geraden Weg auch einmal abweichen kann und dass er die Möglichkeit besitzt, in einer größeren Gruppe abzutauchen aus den Augen des Lehrers mal zu verschwinden? Sind dies nicht auch ganz entscheidende Erfahrungsbereiche des jungen Menschen?
Ich plädiere nicht für große Klassen, ich plädiere nicht für Disziplinlosigkeit, aber dafür dass ein Mittelweg gegangen wird, der uns oft so beschwerlich erscheint, weil er gerade die Erziehungsfragen, die Frage nach dem rechten Umgang aufwirft und uns gemeinsam mit dem Kinde auffordert zur Reflexion, zur Wegbestimmung. Nur das Abkommen vom Weg fordert uns auf eine bewusste Entscheidung zu treffen für unsere Lebensgestaltung, die Grundlage der individuellen Entwicklung eines jeden.
Unser Besuch in Spanien hat uns zutiefst beeindruckt. Er warf in uns Fragen auf nach dem Ziel unserer Bildung und Erziehung, er forderte uns auf, erneut über unser Menschenbild nachzudenken, nach dem wir arbeiten und leben, er erfasste uns in dieser grundlegenden Frage emotional und als ganze Person, nicht nur verbal und intellektuell, er erfasste uns durch unser Erleben und Dasein und ließ uns spüren wie Lernen tragfähig erfolgt. Lernen können wir alle nur, indem wir mit all unseren früheren Erfahrungen, mit unseren Sinnen, mit unserem Körper also, mit Gefühl und Verstand angesprochen werden. Wir erlebten es, wir werden versuchen diese Erfahrungen an unsere Schüler weiterzugeben. Wir sind dankbar für diese Lernmöglichkeit.
Wir sind auch dankbar für die Gastfreundschaft und Offenheit unserer spanischen Kollegen.
Und wir sind gespannt, so sehr gespannt: Was erwartet uns im Mai in Finnland?
Hören wir abschließend noch einmal Comenius selbst: „Schulen sind Produktionsstätten der Menschlichkeit, sofern sie bewirken, dass aus Menschen wirklich Menschen werden“.
Und das ist sicherlich unser aller zentrales Ziel. Nur wie schwer ist dies wirklich zu erreichen und wie viel Kraft bedeutet es für uns, dies beständig zu reflektieren und nach guten Wegen zur Annäherung an dieses Ziel zu suchen.
Das Comeniusprojekt ist ein guter Weg um näher an dieses Ziel heran zu kommen, weil es uns durch das Fremde öffnet für neue Wege und gemeinsame Überlegungen. Weil es uns die Möglichkeit über unsere Grenzen zu schauen, in uns, zwischen uns und über Ländergrenzen hinweg.
Es wäre schön, wenn möglichst viele Grundschulen von diesem Projekt profitieren könnten.